Gespräch mit Rosa Jaisli in ihrem Atelier
Bremen, Mai 2019
Du bist in Chile geboren, lebst seit vielen Jahren in Deutschland. Wo bist du innerlich angesiedelt? Zwischen der südamerikanischen und der europäischen Kultur?
Meine Heimat ist Chile, aber vor längerer Zeit schon habe ich meiner Mutter geschrieben, dass ich einen Ort gefunden habe, wo ich mich zu Hause fühle, das ist Bremen. Immer noch beschäftigt mich die südamerikanische Kultur sehr. Doch ich befasse mich auch mit der europäischen Geschichte. Ich interessiere mich für meine Ursprünge und für die Anfänge der Menschheit im allgemeinen. Wir sind mehr von der Vergangenheit geprägt als uns bewusst und vielleicht auch lieb ist. Dieses Erbe, diese Wurzeln möchte ich kennenlernen. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter von einem reisenden Händler eine große Enzyklopädie gekauft. Ich bin über die Bilder und die Texte in die Geschichte eingetaucht. Seitdem haben mich die Zeugnisse alter Kulturen nicht mehr losgelassen. Nur im Wissen über unsere Herkunft können wir bewusst nach vorne leben.
Du hast in Bremen erst ein Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen und dich dann für die Kunst entschieden. Was war der Impuls dafür?
Ich habe gemerkt, dass mir in der Theorie allein etwas Entscheidendes fehlte. Ich möchte meine Ideen und Inspirationen in Greifbares und Sichtbares umsetzen, ich will mit den Händen arbeiten. Schon in meiner Jugend hat mich der direkte Umgang mit den Dingen begeistert. Ich wollte etwas gestalten, eine Form in die Welt bringen.
Dein Werk umfasst verschiedene Techniken, Materialien und Motive. Viele Arbeiten kreisen um das Thema Haus. Was verbindest du damit?
Die Besiedlung eines Ortes, eine Ansiedlung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und ein zentrales Lebensereignis, seit die Menschen sesshaft geworden sind. Häuser und Siedlungen sind Zeugnisse des Lebens, Belege für individuelle Biografien und für den Charakter von Gemeinschaften. In meiner Kunst versuche ich der einzelnen Existenz nachzuspüren und zugleich die Gesellschaftsformen verschiedener Epochen zu erkunden. Das Vergehen von Zeit schreibt sich in die Bauwerke ein, die ursprünglich aus dem Wunsch nach Beständigkeit entstanden sind. Häuser tragen Spuren vergangener Lebenswege, in ihnen bildet sich das Private und zugleich das Öffentliche ab. Die Bauformen spiegeln praktische Notwendigkeiten und ästhetisches Empfinden wider, verschiedene Stufen im Umgang des Menschen mit seinem Lebensraum. Ich sehe in meinen Skulpturen, die Bauwerke nachbilden, nicht zuletzt Häuser der Seelen. Wir können über die Architekturen in eine geistige Beziehung zu unseren frühen Vorfahren treten.
Die Formen, die du dafür findest, verbinden Geometrisches und Gewachsenes. Man sieht an den Rändern noch den Naturstein. Mit den Lehmbauten blickst du in frühe Kulturen und Räume von indigenen Völkern. Deine Arbeiten wirken wie zeichenhafte und zugleich naturhafte Gefäße von Leben. Steht die Symbolkraft für dich im Vordergrund?
Wenn ich in den Stein schneide und meine Architekturen aufbaue, dann konstruiere ich und markiere zugleich den Charakter des Materials. Bauform und Organismus bleiben erkennbar, konstruktive Linien und die gewachsenen Adern im Stein stehen sich gegenüber. Der bildhauerische Zugriff und der Naturstoff, der wie ein Zeitspeicher wirkt, begegnen sich. Damit wird das Verhältnis des Menschen zu seinem Lebensraum und den Fundamenten seines Lebens deutlich. Die architektonische Plastik ist ein Sinnbild für eine grundlegende Tätigkeit des Menschen, aber auch für künstlerische Arbeit. In den Lehmbauten wirkt es so, als erhebe sich die Erde und biete den Menschen Unterschlupf. In meiner Werkgruppe der Vasos Comunicantes zeigen sich Siedlungen wie ein sozialer Organismus, in dem die Elemente zwischen Planung und Anwachsen miteinander korrespondieren. Inspiriert hat mich dazu ein Lageplan der vor noch gar nicht allzu langer Zeit entdeckten Wohnkultur von El Caral in Peru. Man hat dort Relikte einer der ältesten Kulturen der Welt gefunden, mit der aus Mesopotamien vergleichbar.
Betreibst du mit deiner Bildhauerei eine Art ästhetischer Archäologie?
Ich würde es nicht als Archäologie bezeichnen. Ich forsche nicht systematisch und verwende keine wissenschaftlichen Kriterien. Aber natürlich leiten mich Entdeckergeist und Expeditionslust. Ich will gar nicht zuviel über meine Gegenstände wissen. Ich lasse mich von meiner Intuition und von meiner Erfahrung leiten. Ich stelle die sinnliche Anschauung in den Mittelpunkt, die aber natürlich das Stoffliche und Körperliche auf eine gedankliche Ebene heben kann. Man könnte vielleicht sagen, dass mein Leitmotiv das Archaische ist, das Vorgeschichtliche, das in uns weiterlebt und Zeiten und Räume verklammert. Ich möchte in der Erinnerung an diese Kulturen auf das zeigen, was wir in uns tragen und was uns deshalb auch so berührt, was unterhalb unseres Bewusstseins noch ins uns arbeitet. Im Gegensatz zu Archäologen will ich gar nicht jedes Rätsel lösen. Mich reizt vielmehr die Macht des Geheimnisvollen. Ich möchte die Erzählungen aus Mythen und Riten lebendig werden lassen und würde mir wünschen, dass meine archaischen Skulpturen ebenso ein Ort der Poesie sind, wie es Grabungsstätten sein können, Spiegel für die frühen Zugänge der Menschen zur Welt. Wir sollten diesen mit Respekt begegnen, wir können aus ihnen etwas über unser Wesen, über unsere Grundbedürfnisse, über das Grundverhältnis von Mensch und Natur, aber auch über unser Verlangen nach einer metaphysischen Behausung, nach einem Sinn gebenden höheren Zusammenhang unseres Lebens lernen.
Zu deinen bevorzugten Materialien zählt Alabaster, du hast aber auch mit Papier und sogar mit Teerpappe gearbeitet. Wie gelangst du zu deinem Material und wie ist das Verhältnis von Stoff und Form?
Für mich ist Alabaster ein sehr sinnliches, vitales Material. Das Organische ist ihm ablesbar, aus ihm lässt sich eine lebendige Körperlichkeit gewinnen. Man kann diese vielleicht anmutig nennen, aber genau darin liegt auch eine besondere Herausforderung und Gefahr. Alabaster kann leicht gefällig wirken, das liegt nicht zuletzt an der vorrangigen Verwendung des Stoffs für Liebliches. Für mich aber besitzt Alabaster in seiner Anmutung von Haut und Schleier einen ganz besonderen Reiz: das schimmernde Licht, ein sichtbarer Austausch von innen und außen. Auch das Papier interessiert mich schon länger als Material für plastisches Arbeiten. Anfangs habe ich Papiere gerissen und geschichtet. Die organische Wirkung der Ränder und der leichte, bewegliche Aufbau von Volumen, der die Statik begleitet, fand sich sehr reizvoll. Außerdem schaffen die Papierskulpturen eine transparente Körperlichkeit, eine lichte Präsenz, die mit dem Raum in ein offenes Verhältnis tritt. Als ich mich mit alten Meistern der Malerei beschäftigt habe, entdeckte ich, wie ich mit dem Skalpell zeichnen kann, ein der Bildhauerei verwandtes Vorgehen, mit dem ich die Vorlagen klären und abstrahieren konnte. Es sind Arbeiten entstanden, die einen neuen Blick auf die Vorlagen öffnen, die aber auch für sich stehen, als reliefartige, der Grafik nahe plastische Bilder.
Du hast dich zweimal mit dem Thema Krieg auseinandergesetzt.
Ja, in einem Fall habe ich, eher untypisch für mein Werk, Neonröhren und diese im Außenraum verwendet. Ich habe Daten von Kriegen an Fassaden geheftet, vom 30-Jährigen Krieg über die Weltkriege bis zu den Kriegen in Bosnien und im Irak. Ich wollte im öffentlichen Raum mit einem Medium agieren, das gewöhnlich als Werbeträger für Aufmerksamkeit sorgt und Label platziert. Im zweiten Fall habe ich aus Teerpappe Silhouetten von Waffen geschnitten, die im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden. Der Stoff markierte das Technische, Maschinelle, Unpersönliche, aber auch Unmenschliche, Dämonische der militärischen Massenvernichtung.
Neben archaischen Siedlungen haben noch andere existentielle Themen Platz in deinem Werk.
Ich habe mich mit dem Bamberger Totentanz beschäftigt, in dem mich besonders die enge Verknüpfung von Form und Inhalt begeistert. Bemerkenswert finde ich auch die dort ablesbare Haltung zum Tod, der im Alltagsbewusstsein stets präsent war und dem die Menschen früherer Zeiten mit fast trotziger Lebendigkeit begegnet sind. Gleichzeitig fasziniert mich das Thema Baum. Bäume markierten für Naturvölker und auch in unserer frühen Zivilisation Orte mit einer besonderen Funktion für die Gemeinschaft und für das Individuum. Bäume sind Zeugen unserer Geschichte und stehen für unsere Verbundenheit mit der Natur, nicht zuletzt auch für unsere Abhängigkeit von der Natur. Ein archaisches Zeichen, eines der ersten Motive, die wir als Kinder malen. Wir sind mit Bäumen auch symbolisch und spirituell verbunden. Von Verwurzelung bis Verästelung lebt unsere Sprache mit Baummetaphorik. Und natürlich ist das Holz seit Alters her ein bildhauerischer Grundstoff.
Du hast jetzt auch den Film als Medium entdeckt…
Der Film hat mich schon immer als Form der Erzählung interessiert. Mein bildhauerisches Werk eröffnet ja auch bildhaft Möglichkeiten für Narrative. In dem Kurzfilm „Pueblo Del Alma“, den ich zusammen mit Yuliya Tsviatkova und den Musikerinnen Anni Ranta und Jemma Thrussell gemacht habe, werfe ich einen Blick auf meine eigene bildhauerische Arbeit. Meine Skulpturen treten als Kulisse auf und agieren zugleich auch körperhaft. Die Grundlage für die Filmerzählung bietet ein Brief, in dem eine Tochter ihrer Mutter von einer Begegnung mit einer archaischen Siedlung erzählt. Meine Lehmbauten in dem Film wirken in ihrer aufgerichteten Form wie Stellvertreter prähistorischer Akteure, die aus Erde geschaffen sind und irgendwann wieder zu Erde werden. Die archaischen Architekturen erscheinen wie Nester, die für eine Zeit aus der Natur gewonnen werden und irgendwann wieder in den natürlichen Kreislauf einfließen. In dem Text, der die Bilderzählung begleitet, wird die Verbundenheit des Menschen mit der Natur zum Thema, Natur nicht nur als Summe der natürlichen Erscheinungen, sondern auch in ihrem Wesen, als Prozess. Ich wollte zeigen, dass wir uns unsere Vorfahren nicht nur im Kampf um die nackte Existenz vorstellen sollten, sondern als musische Menschen, die dem Gesang der Vögel als Musik lauschen. Der Film, bei dem mich die Zusammenarbeit mit den anderen Künstlerinnen begeistert hat, ist eine poetische Hommage an die Poesie, an das menschliche Bedürfnis, Formen zu schaffen, die Bestand haben in der Flut der Zeit.