Städtische Galerie Bremen, 31.5.26.7.2026.

Leporello zur Ausstellung

Rosa Jaislis künstlerische Ansätze thematisieren Räume und beinhalten Räume. Die Künstlerin überführt ihre eigene Ahnung von Räumen so in Alabaster, Lehm, Papier und weitere Materialien, dass wir diese Räume selbst erahnen, erspüren, erfahren. Da sie oft Räume kreiert, die an archäologische Funde erinnern, die ursprünglich und paradigmatisch wirken, verweisen ihre Skulpturen auch auf die (Ur)Ahnen von Räumen. Hier wird deutlich, wie präzise Rosa Jaislis Werke über den Raum grundsätzlich reflektieren. Dies betrifft den musealen Ausstellungsraum als zugespitzte Variante eines institutionalisierten Raumes von großer konstitutiver Macht. Es gilt aber auch für Innen- und Umräume im Allgemeinen und letztlich für den Raum als universale physikalische Grundbedingung.

Rosa Jaislis Räume scheinen sich an ihren Grenzen aufzulösen, wirken fragmentiert, temporär und archaisch. Sie bieten keine Sicherheit über ihre Breite, Länge und Höhe, sind ohne den Umraum nicht zu denken. Das führt dazu, dass ein Bewusstsein für die Unschärfe vermeintlich fixer Räume und Raumgrenzen erzeugt wird und wir uns unserer eigenen Macht zur Raumerschließung und Raummanifestation ebenso klar werden wie der grundsätzlichen Relationalität von Raum. Als „poetische Räume“ hat Hans-Joachim Manske, ehemaliger Leiter der Städtischen Galerie Bremen, diese Qualität der Kunst von Rosa Jaisli schon 1992 beschrieben  in Bezug auf ihre Alabasterskulpturen, die auch 2026 im Zentrum der retrospektiven Einzelausstellung „Räume Ahnen  Rosa Jaisli“ stehen. Poetische Räume eröffnen sich aber genauso in Papierschnitten und Papierrauminstallationen, in Adobelehmobjekten, mittels flacher Teerpappeformen und rätselhafter Stoffbündelfiguren.

Die Arbeit mit Alabaster zieht sich durch das gesamte Werk von Rosa Jaisli. Oft bleiben Teile des unbehauenen Steins erhalten und kontrastieren die Bearbeitungen, in denen der Eindruck von Transparenz entsteht. Die Skulptur scheint aus sich zu leuchten, was die poetische Wirkung wesentlich erzeugt. Diese metaphysische Rätselhaftigkeit im Material nutzt Rosa Jaisli, um Einschnitte, Binnenformen, Räume und Durchblicke in ihren Grenzen fließend zu halten. Gesichert ist damit kein sichtbarer Raum. Durch die Assoziation an Ausgrabungen, Ruinenlandschaften und elementare Architekturversatzstücke wie Mauern, Treppen, Tore, blicken wir auf archaische Räume, auf ein Prinzip von Raumerschaffung und Raumerschließung, das von unseren allgemeinen Raumerfahrungen ebenso abhängig ist wie von der räumlichen Bedingung der einzelnen Skulptur.

Während ihre Alabasterskulpturen leicht, transparent und in dieser opaken Anmutung wie Papier wirken, verdichtet Rosa Jaisli Papier zu massiven Raumteilern. Die im Raum gehängten Bahnen werden durch intuitive, Fenster evozierende Einreißungen, scheinbar zu Wänden, die den Eindruck einer menschlichen Behausung erzeugen. Durch- und Ausblicke konstituieren Räume im Raum, dessen spezifische Architektur betont und verändert wird. In der Städtischen Galerie Bremen werden die Papierarchitekturversatzstücke ortsspezifisch im kleinen Galerieraum in Bezug zu den Säulen und Stahlträgern, zur Deckenstruktur mit den Oberlichtern und zum original belassenen Backsteintreppenhaus eingesetzt. Der bildhauerische Ansatz in den Papierarbeiten von Rosa Jaisli zeigt sich auch in den Arbeiten, in denen sie „alte Meister“ zitiert. Dadurch dass sie die Konturlinien ins Papier schneidet und die Schnitte überwiegend als herabhängende Reste im Kontrast zur präzisen Linie belässt, öffnet sich das zweidimensionale Papierporträt in die Tiefe des dahinter liegenden Raums.

Für ihre Werke aus Lehm greift Rosa Jaisli auf das ursprünglichste Verfahren menschlichen Bauens mit Adobe, ungebranntem Lehm, zurück, das in Lateinamerika verbreitet war und ist. Rosa Jaisli hat damit rohe Objekte geschaffen, die den handwerklichen Prozess ihrer Entstehung offenlegen. Einige wirken wie Modelle ab-strahierter Gebäude, die zur Miniaturversion einer Urform menschlicher Siedlung verbunden werden, als „Pueblo“ betitelt. Diese Interpretation der Lehmobjekte verstärkt Rosa Jaisli 2017 (mit der Künstlerin Yuliya Tsviatkova) in einem Film, der das Ensemble als fantastische Stadt einer magisch-realistischen Erzählung in Szene setzt. Wir dürfen in den Lehmräumen Funk-tionen und Geschichten verorten, obwohl sie auch abstrakte skulpturale Gefäße, eine Sammlung archaischer Kultobjekte, sein können. Diese Ambivalenz zwischen abstrakter Skulptur und Gebrauchsgegenstand, zwischen Modell und Objekt, gilt auch für die röhrenartigen Kunstwerke, die aus Adobe-Lehm gefertigt wurden und entfernt an Schornsteine, Rohre, Brunnen erinnern. Blickt man hinein, sieht man höchstens den Boden des Ausstellungsraums und wird auf die markante Materialität des handbearbeiteten Lehms zurückgeworfen.

Neben den hellen Papier- und Alabasterwerken und den kruden Lehmobjekten verweisen in der Ausstellung in der Städtischen Galerie zwei weitere Werkgruppen auf archaische Architekturen und Gesten. Flache dunkle Teerpappenschnitte wirken wie schattenhafte Ansichten oder Aufrisse von Gebäuden, wie eine Art Grammatik architektonischer Grundformen. Wieder entsteht der Eindruck von Urräumen. Ganz andere Ahnen stellt ein frühes Werk vor, dessen skulpturale Geste sich in mumienhaften Stoffbündeln manifestiert, die auf Konsolen an der Wand sitzen und zusätzlich wie eine dunkle Ahnung in einem Torfhaufen stecken, der neben seinen kulturhistorischen Funktionen im spezifischen Raum der Städtischen Galerie einen besonderen Ortsbezug zeigt. Denn Torf wurde in den Ziegelwänden der ursprünglichen Brauereiräume als Isolierung benutzt, um im Raum ein stabiles Klima zu schaffen. Doch auch ohne Sichtbarkeit dieses Bezugs verweisen die geisterhaften Figuren und der rohe Torf erneut auf Ahnungen archaischen Lebens, in dessen Zusammenhang die dicken Mauern der Städtischen Galerie selbst zu einer solchen Chiffre ursprünglicher Räume werden.

Dr. Ingmar Lähnemann